Medizintourismus in Asien: Gesund unter Palmen

Die asiatische Medizin ist bekannt für ihr traditionelles Naturheilkundeverfahren. Krankheiten gelten als Ausdruck seelischen Ungleichgewichts. Durch die Verabreichung von Kräutern und Wurzeln wie durch die Anwendung von Massagen und Ölkuren wird der Körper wieder in eine Balance gebracht.
Doch auch der Stellenwert schulmedizinischer Verfahren nimmt zu: Der Medizintourismus hat sich als boomende Subsparte herausgebildet und Reisen, bei denen ärztliche Behandlungen und Operationen im Ausland vorgenommen werden, manche davon mit einem touristischen Begleitprogramm, sind bereits Alltag.

Auch immer mehr Europäer reisen ins Ausland, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Die Ursache für diesen Trend liegt überwiegend in den explodierenden Gesundheitskosten der prozentualen Selbstbeteiligung für den Patienten.
Kostengünstige Alternativen gab es zunächst in Osteuropa, heute gewinnt Asien an Bedeutung. Hier liegen die Kosten einer Behandlung inklusive Flug und Unterkunft bis zu 50% unter den westlichen Preisen.

Thailand
Unter den asiatischen Ländern ragt Thailand hervor: Das Gesundheitsministerium in Bangkok spricht von 2,5 Millionen Medizintouristen allein im Jahr 2013. Die meisten Patienten kommen aus Deutschland, Großbritannien, USA, Australien, Japan, China, Taiwan und dem Mittleren Osten.

Bereits seit 2006 reisen Männer und Frauen zur Geschlechtsumwandlung bevorzugt nach Thailand. Das Geschäft mit plastischer Chirurgie boomt noch immer;  Brustvergrößerungen oder Fettabsaugungen kosten durchschnittlich ein Fünftel des Preises in Deutschland. Mittlerweile jedoch geht die Angebotspalette von Augenlaserungen, Zahnbehandlungen, Herz-OPs und orthopädischen Eingriffen bis hin zur Stammzellentherapie.
Das Land punktet zudem mit im westlichen Ausland gut ausgebildeten Fachkräften, modernen Technologien, hoch entwickelten medizinischen Geräten, kurzen Wartezeiten (auch bei komplizierten Eingriffen) und freundlichem Personal.

Markftührer unter den Einrichtungen für Medizintouristen ist das private Bumrungrad International Hospital in Bangkok, das größte Krankenhaus Südostasiens, mit 400.000 ausländischen Patienten pro Jahr. Es ist eine Mischung aus Klinik, Fünf-Sterne-Hotel und Einkaufszentrum. Neben modernsten medizinischen Geräten bietet das Krankenhaus auch VIP-Suiten, eine McDonald’s- sowie eine Starbucks-Filiale. Es beschäftigt sogar Dolmetscher, obwohl fast das gesamte Personal Englisch spricht. Für die frisch angereisten Patienten gibt es ein eigens eingerichtetes Service-Center. Dort kümmert man sich auch um die nicht-medizinischen Bedürfnisse der Medizintouristen wie Reiseinformation, Hotelbuchung, Flughafentransfer und Unterstützung bei der Verlängerung des Visums. Für alles wird gesorgt.

Trotz allem Luxus kommen die Patienten aber vor allem wegen der niedrigen Kosten.
Einige Krankenkassen in Deutschland finanzieren sogar einen Zuschuss zu der Behandlung in Thailand – deshalb vorab genau erkundigen.

Thailand ist auch das führende Land Südostasiens, wenn es um medizinische Forschung geht. Die thailändische Pharmaindustrie besitzt zahlreiche Lizenzen deutscher Arzneimittel. Diese werden dann in Thailand produziert und preiswert ohne Rezeptpflicht verkauft.

Inzwischen sind 30 thailändische Kliniken von der Joint Commission International (JCI) zertifiziert. Die US-Organisation prüft Gesundheitsdienstleistungen weltweit und verleiht ihr Siegel nur bei der Erfüllung strenger Standards.
Thailand soll sich bis 2016 zum Zentrum Asiens in den Bereichen medizinische Versorgung, Gesundheitsförderung, traditionelle Thai-Massage und alternative Medizin sowie Gesundheitsprodukte entwickeln.

Auf der Webseite des Thailand Medical Tourism Portals werden Krankenhäuser empfohlenen, medizinische Behandlungen vorgestellt und Wellnessreisen angeboten.

inhk-Tipps
Allgemeinmedizin
Samitivej Hospital Sukhumvit

Augenklinik
Rutnin Eye Hospital

Zahnklinik
Asavanant Dental Clinic

Indien
Auf Platz zwei liegt Indien. Einen Schwerpunkt des neuen ‘Mantras’ Medizintourismus stellt neben den Sparten Zahn- und kosmetische Medizin weiterhin die traditionelle Medizin (Ayurveda) dar. Viele Patienten kommen aber auch, um langwierige Papierkriege in ihrem Heimatland zu umgehen. Stammzelltherapien z. B. werden hier als Routineeingriff angepriesen. Leihmutterschaft, die in vielen westlichen Ländern verboten ist, ist in Indien erlaubt. Bei Organtransplantationen ist die Warteliste in westlichen Ländern lang.
Die Fachmediziner haben oft im westlichen Ausland studiert; das erhöht die Bereitschaft ausländischer Patienten, zur Behandlung in ein „Dritte Welt“-Land zu reisen.

Viele Privatkliniken entsprechen internationalen Standards und sind mit Hightech-Geräten ausgerüstet. Die Behandlungskosten betragen nur etwa ein Fünftel bis ein Achtel dessen, was Patienten in Industrieländern bezahlen müssen.
Reiseveranstalter und Hotelunternehmen haben medizintouristische Pauschalangebote eingeführt. Sie beinhalten oft die Abholung vom Flughafen, den Service am Krankenbett, Internet-Zugang im Krankenzimmer, internationale Küche und einen Erholungsurlaub im Anschluss an die medizinische Behandlung.

Die Ausstattung im Medicity in Delhi ist besser als in vielen deutschen Krankenhäusern: Die Klinik verfügt über 45 Operationssäle, 1.250 Betten und insgesamt 15 Institute, die von erfahrenen indischen Ärzten geleitet werden. In den Wartebereichen stehen keine einfachen Stühle, sondern große Massagesessel, die sich zu Liegen umklappen lassen.
Die Klinik ist auf Herzoperationen spezialisiert. Auch in der Onkologie und Orthopädie ist das Krankenhaus nach eigenen Angaben führend. Darüber hinaus werden den Patienten eine Vielzahl an Schönheits- und Wellnessprogrammen angeboten.

Trotz der weltweiten Wirtschaftskrise hat sich der Medizintourismus in Indien zum stärksten Wachstumssegment dieses Wirtschaftszweiges entwickelt. Die Zahl der Medizintouristen lag bei ca. 1,3 Millionen im Jahr 2013.

Singapur
Eine gewichtige Rolle auf dem Tourismusmedizinmarkt spielt auch Singapur. Sein Gesundheitssystem und die Qualität der Leistungen sind weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Verglichen mit anderen asiatischen Ländern liegen die Kosten hier zwar deutlich höher, dennoch kamen 2013 über 610.000 Medizintouristen und besuchten die nach US-Standards zertifizierten Gesundheitseinrichtungen.
Die Stadt nutzt zudem den guten Ruf als sauberes, modernes und technologisch fortschrittliches Land mit Englisch als Amtssprache. Außerdem liegen viele der Krankenhäuser in oder in der Nähe beliebter Gegenden, mit Sehenswürdigkeiten und Hotels.

Eine Vielzahl erstklassig eingerichteter Institute bietet von einer neuen Herzklappe über ein künstliches Hüftgelenk bis hin zum Facelift alles an, was der „Leidende“ begehrt. Die Kosten liegen häufig bei einem Bruchteil dessen, was Patienten in Deutschland bezahlen.

In den letzten Jahren haben verschiedene Krankenhäuser begonnen, sich zu spezialisieren. So gibt es im National University Hospital eine speziell für Frauen eingerichtete Herz- und Kreislaufklinik. Dort werden Frauen nur von Frauen behandelt – vom Pflegepersonal bis hin zu den Ärztinnen.

Weitere führende Krankenhäuser in Singapur sind die Krankenhausgruppe Parkway Health, die Raffles Medical Group und das Tan Tock Seng Hospital.

Experten gehen davon aus, dass diese drei Länder demnächst 80% der weltweiten Gesundheitstouristen aufnehmen werden, Thailand davon allein 40%.

Malaysia
Die Qualität der medizinischen Versorgung in Malaysia entspricht der in den USA und Großbritannien. Die Einrichtungen sind hochmodern, die Ärzte im westlichen Ausland ausgebildet und das Gros der Bevölkerung spricht Englisch.
Malaysia ist ein Anlaufpunkt für die Suche nach Fruchtbarkeitsbehandlungen. Die Wartezeiten sind kürzer; Verfahren und Behandlungen wie In-vitro-Befruchtung haben bei halben Kosten Erfolgsquoten so hoch wie in den USA.
Malaysische Ärzte glänzen auch bei Herz-Bypass-Operation. Kosmetische Chirurgie wie Nasenkorrekturen und Brust-Vergrößerung sind ebenfalls sehr beliebt. Zudem werden Alternativmedizin und Ayurveda-Behandlungen angeboten.

Der malaysische Staat hat eine Verlängerung des Visums für Medizintouristen von 30 Tagen auf sechs Monate umgesetzt.

Kuala Lumpur verfügt über mehrere JCI-akkreditierte Krankenhäuser, viele von ihnen sind mit luxuriösen Suiten ausgestattet. Das Prince Court Medical Centre wurde 2013 als weltweit bestes Krankenhaus für Medizintourismus ausgezeichnet. Zwar kommt der Hauptanteil der Patienten aus den Nachbarländern, doch mittlerweile zieht der Westen mit 700.000 Medizintouristen pro Jahr nach; Tendenz steigend.

Die Kliniken der Stadt Ipoh sind bekannt für Krebsbehandlungen, Orthopädie, Herz-Kreislauferkrankungen und bieten zudem Wellness-Programme, die Akupunktur, Massagen, Yoga und Spezialdiäten beinhalten.

Philippinen
Die Philippinen sind seit einigen Jahren bemüht, beim Thema Medizintourismus Ländern wie Thailand, Singapur oder Indien nachzueifern. Rund 12.000 Patienten fliegen jährlich auf die Philippinen, um sich an Herz, Hüfte oder an den Zähnen operieren zu lassen. Die Regierung will sich nun auch um Medizintouristen aus Europa bemühen. Nicht nur die Strände, sondern auch die Gesundheitsindustrie soll Touristen auf die Philippinen locken.

Die Medical Wellness Farm von San Benito in der kleinen Stadt Lipa zählt zu den führenden Medical Spa Resorts Asiens. Hierher kommen Gäste von weither angereist, um unter Palmen bei ärztlicher Aufsicht ihren Körper zu entgiften, gesund zu essen und in Wellness-Oasen Massagen zu genießen.

Das St. Luke’s Medical Center in Quezon City zählt zu den besten Privatkrankenhäusern in Asien. Es ist besser ausgestattet als 95% der amerikanischen Krankenhäuser. Auslandspatienten können hier von der Hüfte über das Knie bis hin zu Zähnen und Augen alle Eingriffe vornehmen lassen.
Eine halbe Autostunde vom St. Luke’s Krankenhaus entfernt liegt das Asian Eye Institute. Alle Ärzte, die hier arbeiten, haben an der Harvard Medical School in Boston studiert.

Health and Leisure ist eine von mehreren Medizintourismus-Agenturen in Manila, die für Patienten aus Übersee alles organisieren: Angefangen bei der Flug- und Hotelbuchung über das Vereinbaren diverser Arzttermine in ausgesuchten Privatkliniken bis hin zum anschließenden Urlaub.

In Cebu City hat sich ein Health and Wellness Council gegründet. Dessen Mitglieder – Ärzte dortiger Privatkliniken, Hoteliers sowie Reiseagenturen der Stadt – setzen verstärkt auf den europäischen Markt. Zur besseren Vermarktung gehört es auch den Preisvorteil der Philippinen stärker herauszustellen.

Der Staat ist dabei, ein spezielles Visum für Auslandspatienten einzuführen, das dem Patienten je nach Eingriff einen Aufenthalt von bis zu mehreren Wochen erlaubt.

 

Behandlungskosten in Euro  (alle Angaben ohne Gewähr)
Thailand Indien Singapur Malaysia Philippinen Deutschland
Gesundheits-Check-up
70–640 100–1.250 130–910 1.360
(inkl. Zähne, MRT)
450 ab 1.500
Zahnimplantat
ab 1.000 ab 150 ab 2.300 ab 650 ab 1.000 700–3.000
Knieersatz
9.200 ab 5.700 10.100 7.240 6.000–9.800 10.000
(Schweiz: 11.000)
Hüftgelenkprothese
ab 6.700 5.075 8.400 3.500–7.700 3.000–9.200 8.900
Bypass-Operation
10.800 9.500 15.200 9.500–15.400 22.500 30.000
(Schweiz: 32.000)
Lasern beider Augen
1.700 250-1.250 ab 3.750 1.130–1.950 1.500 3.000

Stand 2013–2015

Vor dem Hintergrund, dass sich weitere Länder wie Taiwan und Korea Marktanteile sichern wollen, steht zu erwarten, dass der erhöhte Konkurrenzdruck für verbesserte Betreuungsstandards sorgt.

Medizintechnik
Der Medizintourismus schlägt sich nach Angaben der deutschen Außenhandelsagentur Germany Trade & Invest (gtai) auch auf den Markt für Medizintechnik positiv nieder.
Dieser sei 2012 um 8% auf rund 900 Millionen Euro gestiegen. Deutschland lag laut gtai in der Rangliste der Lieferländer an dritter Stelle mit größeren Marktanteilen bei Röntgenapparaten, Diagnosegeräten, ophthalmologischen und sonstigen Instrumenten.

Quellen
Zeit, ÄrzteZeitung, DW, Asien Kurier, ThaiZeit, TourismWatch, Surgeonabroad, WhatClinic

ct

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