Luxuskreuzfahrt in den Westpazifik

Als Bordlektor mit der MS Hanseatic von Bali nach Fiji

Ich und Kreuzfahrt? Nie! Diese Massenabfertigung des Passivtourismus widerspricht doch all meinen Prinzipien der individuellen Abenteuertouren, die mich seit 30 Jahren rund um den Globus führen. Aber plötzlich ist alles anders. Ich werde von der Hamburger Reederei Hapag Lloyd für eine dreiwöchige Reise bezahlt, für die die etwa 160 Gäste an Bord des 5-Sterne-Schiffes jeweils etwa 12.000,- EUR bezahlen müssen. Das ist für mich ein unschlagbares Argument, um an Sehnsuchtsorte der Südsee zu gelangen, die so abgelegen sind, dass man sie ohne eigenes Boot gar nicht erreichen kann. Abgesehen davon ist die Umrundung der zweitgrößten Insel der Welt, Neuguinea, zentrales Ziel der Kreuzfahrt. Und Expeditionen nach Neuguinea sind seit über 20 Jahren mein Fachgebiet. Deshalb wurde ich als externer Fachmann unter Vertrag genommen, um an Bord landeskundliche Vorträge zu halten und die Landausflüge fachkundig zu begleiten.

Beginnend auf der Trauminsel Bali fahren wir östlich entlang der Kleinen Sundainseln und haben unseren ersten Stopp auf Sumba. Nach der trockenen Anlandung auf Kodi an einem etwas maroden Steinpier wartet bereits ein illustres Begrüßungskomitee. Die freundlichen Dorfbewohner bringen uns mit farbenprächtig bemalten Minibussen zum Festplatz. Nach einem traditionellen Tanz in bunter lokaler Tracht – von Kindern und Erwachsenen mit Musik und Gesang untermalt – wird ein mit Spannung erwartetes, traditionelles Pasola-Fest mit wilden Reiterspielen auf ungesattelten Pferden aufgeführt. Der kriegerisch anmutende Wettstreit zwischen den Sippen Sumbas, eines der wichtigsten Feste des Landes, ist ein actiongeladenes, farbenprächtiges Spektakel, das uns alle mitfiebern lässt.

Zusätzlich begeistert uns die großartige Kulisse der riesigen steinzeitlichen Megalithgräber mit tonnenschweren Decksteinen, in denen Wasserbüffelhörner als Ahnenverehrung eingraviert wurden. Die von traditionellen Riten geprägte Lebensweise der Bewohner zeigt sich auch in der einzigartigen Sumba-Architektur der alten Clansiedlungen mit seltsam anmutenden, spitz zulaufenden Grasdächern. Diese eigenwillige Architektur ist Teil der animistischen Marapu-Religion und bietet uns einen unwirklichen Anblick. Genau wegen solcher bleibenden Eindrücke sind wir hier.

Auf der Nachbarinsel Komodo gehen wir bei einer schweißtreibenden Inselwanderung mit lokalen Parkrangern auf Tuchfühlung mit den bis zu drei Meter langen, fleischfressenden Waranen – den letzten „Drachen“ der Erde. Um die Mittagszeit verkriechen sich die Riesenechsen leider in der trockenen Buschsavanne und in schattigen Erdhöhlen. Erst an einem Wasserloch stoßen wir auf fünf große Prachtexemplare. Die Komodowarane sind wirklich beeindruckende Tiere. Vor allem die langen Klauen der weit über zwei Meter langen Echsen und ihr urtümlicher Gang sind Respekt einflößend und sorgen für wohliges Schaudern. Abschließend erholen wir uns am nahe gelegenen Pink Beach und lassen uns von anderen Badegästen um unsere exklusiv errichtete Strandbar mit eisgekühlten Cocktails und frischen Kokosnüssen beneiden.

Am Tag darauf kreuzen wir das große, halbmondförmige Vulkanatoll der isolierten Bandainseln und nehmen dann Kurs auf die Vogelkopfhalbinsel an der Westküste Neuguineas. So erreiche ich zum sechsten Mal in meinem Leben das Lieblingsreiseziel auf unserer Erde, Westpapua, wenngleich etwas anders als gewohnt, nämlich mit einem 5-Sterne-Kreuzfahrtschiff.

Wir durchfahren die fantastische Inselwelt des Raja Ampat Archipelagos. Raja Ampat bedeutet „vier Könige“ und gilt unter Kennern als das beste Tauchrevier der Welt. Die einsame Fahrt durch das Labyrinth hunderter kleiner Koralleninseln inmitten türkisblauen Wassers ist unbeschreiblich. Wir umrunden viele kleine, dicht bewaldete, kegelartige Inselchen und kommen dann zur „Küste der Bilder“, wo es seltene Felsmalereien zu besichtigen gibt. Dass die 30.000 Jahre alten Ockerbilder mit Händen und seltsamen Sonnensymbolen in diesem Klima überdauert haben, ist ein kleines Wunder. Das ist pure Menschheitsgeschichte zum Anfassen jenseits professioneller Museumskonzepte.

In der Nacht setzen wir, wie üblich, die Reise zu unserem nächsten Ziel fort. Wir ankern in einer Schärenbucht im westlichen Teil der vollkommen bewaldeten und kaum besiedelten Insel Waigeo. Der Anblick der Karstkegel im fahlen Licht der aufgehenden Sonne und der noch in den Bergwipfeln hängenden Nebelschwaden ist mystisch. Ich kann mich kaum sattsehen und hänge noch lange meinen Gedanken nach.

Wir passieren den Äquator, wo die obligatorische Äquatortaufe ausgiebig mit Sekt gefeiert wird. Dann geht es entlang der Nordküste Neuguineas vom indonesischen Teil zum eigenständigen Staat Papua-Neuguinea. Das kleine Dorf Kopar nahe der Mündung des mächtigen Sepik-Flusses ist unser Ziel. Nach dem obligatorischen Begrüßungszeremoniell mit dem Dorfchef, dem Kepala Kampung, werden für uns archaische Maskentänze aufgeführt. Genauso habe ich mir Papua-Neuguinea vorgestellt. Die farbenprächtigen, aus gefärbten Grasfasern hergestellten Kostüme und die wilde Körperbemalung verfehlen ihre Wirkung nicht. Das hat nur sehr wenig mit touristischer Folklore zu tun und deckt sich vollständig mit der hohen Erwartungshaltung unserer kleinen Gruppe an Unverfälschtheit.

Interessant ist der krasse, kulturelle Gegensatz zwischen traditionellen Ahnenschnitzereien, die zum Kauf angeboten werden, und den modernen chinesischen Solarzellen vor den Holzhütten mit Palmfaserdächern. Vergangenheit trifft auf Gegenwart – und wir sind mittendrin!

Welch ein Unterschied zu meinen früheren Besuchen! Als Expeditionsleiter musste ich mich sonst wochenlang mühselig durch den brütenden Dschungel schlagen, doch heute konnte ich an diesem ursprünglichen Küstenstreifen plötzlich mit Hightech-Schlauchbooten eines Luxusliners anlanden. Einen kleinen Eindruck des Urwalds erhalten die Gäste während einer wunderbaren Schlauchbootfahrt durch die überfluteten Sagopalmenwälder. Die Bäume stehen sehr dicht zusammen und sind mit langen Stacheln bewehrt. Die Boote schlängeln sich mühsam durch die dichte Vegetation und immer wieder ertönt ein aufgeregtes „Ah“ und „Oh“, wenn die schmalen Durchfahrten erst beim zweiten Anlauf gemeistert werden können.

Später landen wir an der kleinen unbewohnten Dschungelinsel Mariim an, wo ein halbmondförmiger, wunderbar einsamer Naturstrand voller ausgeblichener Treibholzstämme auf uns wartet. Wie sind umgeben von intensiv gefärbten Blüten, duftenden malaiischen Äpfeln und exotischen Orchideen, die unsere Sinne betören. Pures Robinsonfeeling, aber auf höchstem Niveau und ohne Überlebenskampf. Stattdessen wird vom Maître de Hotel kalter Fruchtpunch serviert.
Entlang der Küste von Neubritannien, einer ehemaligen deutschen Kolonie, besichtigen wir die neue Inselhauptstadt Kokopo. Das alte Zentrum von Rabaul wurde 1994 und nochmals 2006 durch einen Ausbruch des Hausvulkans Tavurvur völlig zerstört und liegt unter meterdicker Asche begraben. Heute raucht der Vulkan nur ein kleines bisschen vor sich hin, aber alle denken mit einer Mischung aus Aufregung und Schaudern an den nächsten Ausbruch.

Zwei Tage später erreichen wir die fantastische Inselwelt der Salomonen mit ihren ungezählten paradiesischen Palmeninseln, unberührten Traumstränden und ursprünglichen Dörfern. Spätestens hier bin ich mir sicher, von einer Zeitmaschine in ein früheres Jahrhundert zurückversetzt worden zu sein. Der extrem abgelegene und entsprechend untouristische Archipel ist fast tausend Kilometer lang und entspricht in perfekter Weise meiner romantisch-verklärten, westlichen Vorstellung eines tropischen Inselparadieses voller Muße und Glücksseligkeit.

Wir gehen vor Pirumeri vor Anker und besuchen das kleine Dorf gleichen Namens, in dem nur wenige Hundert Menschen leben. Das ganze Dorf ist unglaublich sauber und alle Flächen sind extra für uns gefegt und geharkt worden. Bilderbuchoptik mit tropischen Pflanzen vor jeder der pittoresken Holzhütten, knallblauer Himmel, üppig wuchernde Palmen, türkisfarbenes Wasser und offene, herzliche Menschen. Die Einwohner der Salomonen gelten neben den Turkanavölkern im Süden Äthiopiens als die mit der schwärzesten Hautfarbe der Welt. Umso seltsamer muten die vielen blonden Kinder an, deren auffällige Haarpracht übrigens das Ergebnis eines genetischen Defekts ist und nicht die Folge eines missionarischen Fehltritts.

An der Roderick Bay wandern unsere neugierigen Blicke zum rostigen Wrack der „World Discoverer“, einem Kreuzfahrtschiff, das im Jahr 2000 auf ein Riff aufgelaufen ist und seitdem ausgeschlachtet und von Pflanzen überwuchert in der malerischen Bucht einer palmenbewachsenen Bilderbuchinsel mit wildem Sandstrand liegt.

Die entlegene Insel Utupua im äußersten Südosten der Inselgruppe der Salomonen bietet ein traditionelles Geisterhaus mit Schnitzereien und Gebeinen, dessen morbiden Charme wir uns nicht entziehen können. Südseefeeling und Bilderbuch-Sonnenuntergänge prägen den letzten Teil der Tour, bis wir schließlich Fiji erreichen, wo unsere Reise endet. Ich fliege über Sydney zurück nach Deutschland, während die MS Hanseatic ihre Reise mit neuen Gästen und einem anderen Lektor nach Polynesien fortsetzt.

Alles in allem war diese spektakuläre Reise für mich ein sehr anspruchsvoller dreiwöchiger Fulltime-Job ohne Freizeit und Wochenende, aber eben an Bord eines luxuriösen Schiffes mit perfekter Infrastruktur. Die vielen Landgänge und atemberaubenden Exkursionen in naturbelassener, unberührter Umgebung kann man nur als traumhaft bezeichnen.
Ich hätte nie geglaubt, meine klischeebehaftete Einstellung gegenüber Kreuzfahrten so eklatant revidieren zu müssen. Wer es sich leisten kann, sollte sich so ein Abenteuer nicht entgehen lassen.

Was genau macht ein Lektor?
Anders als meine Kollegen, die ihre wissenschaftlichen Fachkenntnisse über Flora, Fauna, Geologie oder Geografie weiterreichen, habe ich mich in meinen Vorträgen auf Expeditionsreisen und Kulturgeschichte der jeweiligen Region spezialisiert. So kann ich sowohl meine sehr speziellen Reiseerfahrungen als auch meine Interessen perfekt kombinieren. Es geht nicht darum, reines Wissen zu vermitteln. Die Vorträge sollen neugierig machen, zum Nachdenken anregen und neue Perspektiven eröffnen, überraschen und inspirieren. Interessante Vorträge kombinieren ansprechend präsentiertes, fundiertes Fachwissen mit guter Unterhaltung, also Edutainment. Meine Vortragsthemen auf dieser speziellen Reise waren: Die Durchquerung Neuguineas auf den Spuren des Forschungsreisenden Heinrich Harrers, Muschelgeld und andere vormünzliche Zahlungsmittel in Ozeanien, die Entdeckungsfahrten des James Cook und Kannibalismus in Neuguinea zwischen Mythos und Realität.

Etwa einhundert ebenso wissensdurstige wie wertschätzende Gäste lauschten den Vorträgen, sofern sie sich nicht von den bisweilen sehr anstrengenden Landgängen auf dem Sonnendeck, im Pool, im Fitnessraum, in der Bibliothek, in den diversen Lounges mit Livemusik oder einem der beiden Sternerestaurants erholen wollten. Und das Tagesprogramm hatte es wirklich in sich. Während unserer zwanzigtägigen Tour gab es sechszehn Anlandungen mit Zodiacs. Diese mitgeführten Hochleistungsschlauchboote ermöglichten den abenteuerlustigen Gästen der MS Hanseatic, auch an ganz kleinen, flachen oder unzugänglichen Orten, Stränden, Lagunen oder auch Flussmündungen anzulanden. Genau das unterscheidet die ausgesprochenen Expeditionskreuzfahrten von Hapag Lloyd von der Massenabfertigung der Riesen-Kreuzfahrtschiffe, die wie schwimmende Hotels Tausende von Touristen an den Molen dieser Welt ausspucken, um dann die überforderten Orte zu überschwemmen. Aber so war es ein exklusiver Kreis von gut situierten, begeisterungsfähigen, überwiegend sehr gebildeten und durchweg anspruchsvollen, weit gereisten Mitt- und Endsechzigern.

Als Lektor in orangefarbenem Hanseatic-Shirt, ausgestattet mit Rettungsweste, Funkgerät, Rucksack mit Erste-Hilfe-Set, saß ich stets im ersten Zodiac, um vor Ort die Situation an Land zu erkunden. Das reichte von der Bewertung der Anlandungsmöglichkeiten, der Abwicklung von Formalitäten mit den Behörden oder Begrüßungszeremonien mit den Dorfchefs, der Vorabbesichtigung der Dörfer oder Natursehenswürdigkeiten, bis zur Einschätzung von Schwierigkeiten bei Erkundungswandertouren, Einkaufsmöglichkeiten, der Versorgungssituation einschließlich der sanitären Einrichtungen vor Ort und der Errichtung eines Strandcamps, an dem die Gäste aus- oder einsteigen und ihre Rettungswesten ab- oder anlegen konnten. Lektor an Bord der MS Hanseatic zu sein, bedeutete für mich, 24/7-Service lächelnd und mit Begeisterung zu personifizieren.

REISEN AM LIMIT-Autor: Christian Rommel, ROX Asia, Hong Kong

1 comment

  • inhk
    14:00

    Neuguinea und die Salomonen zu bereisen, ohne dabei durch metertiefen Schlamm waten, oder das Essbare vorher umbringen zu müssen, ist natürlich schon eine ganz andere Reisequalität. Und das auch noch kostenlos? Tolle Reise.

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