Kunst im freien Raum

März ist in Hong Kong Kunstmonat. Es geht los mit der Asia Contemporary Art im Conrad Hotel, bei der die Künstler ihre Werke in den Zimmern auf mehreren Etagen ausstellen, gefolgt von der Art Central, die ihre Zelte am Victoria Harbour aufschlägt, und schließlich der Art Basel Hong Kong im Convention Center in Wan Chai. Doch Kunst findet nicht nur drinnen, sondern auch draußen statt – als Street Art. Weil die aber bei den großen Ausstellungen so gut wie nicht vorkommt, hat die lokale Gruppierung HKwalls ein eigenes Festival ins Leben gerufen.

Wer Straßenkunst sehen will, muss manchmal schnell sein. „Hier wurde bereits ein Teil übermalt“, sagt Olivia und zeigt auf die schwarz getünchte linke Seite einer Wandmalerei in der Elgin Street. Menschen sitzen an Tischen und essen – im Bild und in der Realität davor, wo Leaf Dessert, ein traditionelles Dai Pai Dong, ein Straßenstand, ein paar wackelige Stühle und Tische aufgestellt hat. Doch in das Eckhaus auf der Hollywood Road sei kürzlich ein neues Restaurant gezogen und die Pächter hätten kurzerhand ein paar Gäste in der Bar übermalt, erklärt Olivia, die für Accidental Art Street Art-Interessierte am Sonntagmorgen um 11 Uhr durch Central führt.

Ähnlich ist es dem Hong Konger Künstler Johnny Ngai ergangen, dessen Figuren in der schmalen Sam Ka Lane mit chinesischen Zeichen verziert wurden. Den schwarzen Gestalten des US-Künstlers Cleon Peterson dagegen, die böse und kämpferisch an einem Gebäude in der Man Hing Lane hängen, wurde bislang nichts angetan.

Immer häufiger werden Street Art-Künstler von Modelabels, Restaurants oder Hotels auch eigens engagiert, um die grauen Außenfassaden aufwendig (und auffällig) zu gestalten. Zum Beispiel hat die französische Malerin Elsa Jean de Dieu die Hauswand des Uma Nota in der Peel Street mit einem bunten Frauenkopf versehen, und das Hotel Madera Hollywood lässt – der Name ist Programm – Charlie Chaplin, Marilyn Monroe, Audrey Hepburn und Frank Sinatra auf seiner Hauswand wiedererstehen.

Anderes ist so klein, dass es kaum auffällt, wie die Mosaikbilder von Invader. Der französische Street Art-Künstler, der sich nur mit einer Maske fotografieren lässt, klebt überall auf der Welt in Anlehnung an die Videospiele der 1980er Jahre bunte Pixelbilder an Hausfassaden, die er aus kleinen Kacheln zusammensetzt. In Hong Kong war er bereits drei Mal, zuletzt im vergangenen September. Wer Invaders Hinterlassenschaften sehen möchte, sollte in Harbour City auf die Suche gehen. Aber Achtung – illegal angebrachte Graffiti haben oft nur eine kurze Überlebensdauer.

Um die Graffiti-Kunst mehr ins Bewusstsein der Hong Konger zu rücken, deren Kunstsinn überhaupt erst mit der Ankunft der Art Basel vor fünf Jahren erwacht ist, veranstaltet die lokale Gruppe HKwalls jedes Jahr im Frühjahr ein Street Art Festival. Parallel zu den etablierten Kunstevents stationiert sich die Gruppe in einem Distrikt und lädt lokale und internationale Straßenkünstler ein, Häuserwände (mit Einverständnis der Besitzer) mit ihren Graffiti und Wandmalereien zu versehen (auf ihrer Website sind Straßenkarten mit den Spots hinterlegt, wo in den bisherigen Festivalstandorten Sheung Wan, Sham Shui Po, Stanley Market und Wong Chuk Hang die Kunstwerke zu finden sind). Vorausgesetzt, es hat sie noch niemand übermalt!

Infos
Asia Contemporary Art Show vom 23. bis 26. März
Art Central vom 27. März bis 1. April
Art Basel vom 29. bis 31. März
Street Art Festival, Termin stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest

sb

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