Hong Kong in Zahlen

7.000 Schritte pro Tag, ein IQ von 107, 7. Platz im Unglücklichsein

Hong Kong ist ein Ort der Extreme. Das zeigt sich auch – im Guten wie im Schlechten – an der Platzierung Hong Kongs in diversen internationalen Studien. Nun ist es so, dass sich für fast jede Studie eine Gegenstudie findet, auch fallen die Platzierungen je nach Auftraggeber und Ansatz der Erhebung unterschiedlich aus. So ist die folgende Zusammenstellung weder vollständig noch unwiderlegbar, eines zeigt sie aber deutlich: Mittelmaß kennt Hong Kong eher nicht.

Fangen wir an mit den Fakten, die inzwischen jeder kennt. Hong Kong ist nach Luanda, der Hauptstadt Angolas, die teuerste Stadt der Welt (Mercer Studie 2017), dicht gefolgt von Tokio und Zürich. Und ja, es ist viel Geld in der Stadt. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Rolls-Royce und andere Luxusautos per Capita, nirgendwo sonst müssen Luxushersteller wie Gucci, Chanel oder Aigner mehr für ihre Ladenflächen zahlen. Im November 2017 wechselte „The Center“ in Central für 40,2 Milliarden HK$ den Besitzer – ein Rekordpreis für ein Bürogebäude. Und auch die teuerste Weinflasche der Welt wurde für 232.692 US$ in Hong Kong verkauft. Der Reichtum in der Stadt ist jedoch extrem ungleich verteilt. Nirgendwo ist die Schere zwischen Arm und Reich größer, diesen unrühmlichen Spitzenplatz hatte bis zum vergangenen Jahr New York, nun ist es Hong Kong.

„Der Geruch in Hong Kong ist der Geruch des Geldes“, heißt es in der US-Serie „Noble House“ aus den späten 80er Jahren. Das gilt bis heute. Hier geht (fast) alles ums Geschäfte machen. Zum 24. Mal in Folge belegt Hong Kong den ersten Platz als „World’s freest economy“ – gefolgt von Singapur (Heritage Foundation, Washington). Ähnliche Studien attestieren der Stadt „Best Business City in the World” (Business Traveller Magazine) bzw. „The world’s most competitive economy” (International Institute for Management Development) zu sein. Auch in der Studie der Swiss Business School landet Hong Kong auf Platz 1 (von 63), wenn es um wirtschaftliche Rahmenbedingungen geht. Und es scheint viele kluge Köpfe in der Stadt zu geben: Mit einem durchschnittlichen IQ von 107 belegt Hong Kong weltweit den ersten Rang.

Doch wie lebt es sich nun in dieser Stadt der Superlative? Die wirtschaftliche Kraft scheint ihren Preis zu haben: Laut einer Studie der UBS Bank hat Hong Kong die längsten Arbeitszeiten der Welt: Im Schnitt 51,2 Stunden pro Woche, 60 Stunden sind keine Seltenheit. Stress und mangelnder Ausgleich führen zu massiven gesundheitlichen Problemen, 40% der arbeitenden Bevölkerung klagen über Schlafprobleme. Dies ist vielleicht einer der Gründe, warum die Hong Konger zu den unglücklichsten Menschen der Welt gehören: Laut der letzten Annual Gallup International Umfrage belegt die Stadt den 7. Platz in „Unhappyness“. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der „World Happiness Report 2017“ im Auftrag der Vereinten Nationen (Platz 71 von 155). Dieser Studie zufolge sind Menschen selbst in Ländern wie Usbekistan, Algerien und Libyen glücklicher. Laut „Happy Planet Index“ der New Economics Foundation landet Hong Kong sogar abgeschlagen auf Platz 123 von 140 Ländern. Gibt es einen Hoffnungsschimmer? Leider nein, die meisten Menschen in Hong Kong (73%) blicken pessimistisch in die Zukunft. Dies ist aber ohne Zweifel auch der politischen Situation der Stadt geschuldet.

Doch es gibt auch Gutes zu berichten: Punkten kann Hong Kong neben wirtschaftlichen Faktoren vor allem in zwei Bereichen: Sicherheit und Gesundheit. Gemäß Economist gehört Hong Kong zu den sichersten Großstädten der Welt. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO leben die Hong Konger am längsten (Platz 1 von 193), auch die Kindersterblichkeit ist nirgendwo sonst auf der Welt geringer (ebenfalls WHO). Grund dafür könnte sein, dass die Hong Konger die aktivsten Menschen der Welt sind, nach einer Studie der Stanford University/USA legt der Hong Konger täglich 7000 Schritte zurück, ein Spitzenwert. Auch in der Schulausbildung belegt Hong Kong vorderste Plätze, beispielsweise in den Studien der OECD, in denen die Stadt in den Bereichen Mathematik, Lesen, Wissenschaft und „Problem Solving“ immer unter den TOP fünf landet. Zudem hat Hong Kong ein extrem schnelles Internet, Platz drei nach Südkorea und Norwegen. Eher überraschend ist das Ergebnis der Euromonitor International Studie, nach der Hong Kong mit knapp 27 Millionen Touristen die meistbesuchte Stadt der Welt ist.

Und wie finden Expats die Stadt? In jedem Fall gibt es jede Menge Abwechslung, nirgendwo sonst gibt es mehr Restaurants und Bars per Capita als in „Asia’s World City“. Auch ist die Stadt überraschend grün: 70% der Fläche ist unbebaut und fast die Hälfte davon sind Naturparks. Hinzu kommt die atemraubende Kulisse, die Strände, die Berge, die Inseln. Aber reicht das, um sich rundum wohlzufühlen? Offenbar nicht. In einer repräsentativen Umfrage unter Expats weltweit belegt Hong Kong nur Platz 39 (von 55) der „Top Expat Destinations 2017“ (Internations Umfrage 2017). Immerhin können Expats hier noch gutes Geld verdienen – wobei andere Städte auf der Überholspur sind. Laut den aktuellen Expat Explorer Surveys der HSBC verdienen Expats in Hong Kong nur 75 Prozent dessen, was die Kollegen in Shanghai und nur zwei Drittel von dem, was Expats in Mumbai verdienen.

Was sollen uns nun die ganzen Rankings sagen? Man könnte die Quintessenz in etwa so beschreiben: Der Hong Konger arbeitet lange, ist unglücklich und schläft schlecht, lebt ansonsten aber gesund, bewegt sich viel, ist intelligent, geht gerne aus und lebt im Schnitt länger als Menschen anderswo auf dem Planeten. Oder aber man lässt die Zahlen einfach Zahlen sein – und macht sich selbst ein Bild von Hong Kong.

Andreas Meier

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