Glücklich durch Guerilla Knitting

Sie umstricken Laternenpfähle, Bänke, Verkehrsschilder, Zäune, Bäume, Denkmäler und manchmal auch ganze Busse: Die Anhänger des Strickgraffiti, auch Guerilla Knitting, Urban Knitting oder Yarn Bombing genannt. Auch in Hong Kong sind sie unterwegs und wickeln urbane Gegenstände in bunte Wolle ein.

Die Amerikanerin Magda Sayeg aus Houston in Texas umstrickte eines Tages die Türklinke ihres Ladens – und als die Reaktionen darauf so begeistert waren, rief sie ihre Freundinnen an und meinte: „Macht mit, ich möchte den Pfahl des Stoppschilds am Ende der Straße umstricken.“ Das ist zwölf Jahre her. Seitdem bringen (zumeist Frauen) ihre Strick- und Häkelarbeiten überall auf die Straße, in den USA, Europa – und seit 2012 auch in Hong Kong. Dem tristen öffentlichen Raum etwas Wärme zurückgeben, ohne dabei etwas zu beschädigen, ist der von Sayeg formulierte Grundsatz, der für viele Strickerinnen gilt.

Auch Esther Poon ist eine Guerillastrickerin, die erste in Hong Kong. Sie lernt Sayeg 2012 auf einer Ausstellung „I Knit MK“ kennen und ist sofort begeistert, wie sie in einem Interview erzählt. Kurz darauf installiert sie ihre erste Yarn Bomb auf der Hollywood Road: „Ich war total nervös.“ Doch die Angst ist unbegründet. „Die Reaktionen sind immer positiv“, sagt Poon, die seitdem rund 20 gestrickte Kunstwerke in Hong Kongs Straßen angebracht hat. „Ich hoffe, ich bringe Freude und ein Lächeln in die Öffentlichkeit, und ich möchte Kunst entmystifizieren. Die Leute müssen nicht in ein Museum oder eine Galerie gehen, um Kunst zu sehen. Kunst gibt es auf der Straße.“

 

In den Bezeichnungen Yarn Bombing und Knit Graffiti wird die Nähe zum gesprayten Graffiti deutlich, wie Lena Springer in einem Aufsatz an der Universität Potsdam über das Phänomen schreibt. So steht Bombing für das illegale Besprühen öffentlicher Flächen. Manche Strickerinnen agieren in der Dunkelheit oder treten nur maskiert auf; einige geben sich einen Künstlernamen. Auch dies sind übliche Vorgehensweisen in der Sprayerszene. Anders als beim Graffiti stellen die Strickereien jedoch keine Sachbeschädigung dar; die umstrickten Gegenstände werden nicht zerstört, und um das Graffiti zu entfernen, genügt eine Schere. Strickgraffiti sei deshalb eine weiche Form des Graffitis, die vor allem von Frauen in einer von Männern dominierten Streetart-Szene ausgeübt werde, schreibt Lena Springer.

Poon und ihre Yarn Bombing-Gruppe, in der etwa 15 Frauen aktiv sind, installieren ihre Werke immer am Morgen – und kommen dann gleich mit Passanten ins Gespräch. Nach etwa drei Monaten entfernen sie ihre Kunstwerke wieder, bevor diese dreckig und unansehnlich werden. Doch vorher werden sie fotografiert, die Bilder in den sozialen Medien veröffentlicht und die Kunst auf diese Weise konserviert.

Die Guerilla Knitting-Bewegung ist zwar klein, der Überraschungseffekt aber umso größer. Das hat inzwischen das Interesse der Wirtschaft geweckt. Das Unternehmen 7up etwa engagierte 2014 die Pionierin des Guerilla Knitting, Sayeg, und ließ sie einen kompletten Londoner Doppeldeckerbus umstricken. In Hong Kong kooperieren derzeit der Mineralölkonzern Shell und die lokale Umweltgruppe Green Power mit der Streetart-Szene, um für den Schutz von Schmetterlingen zu werben. Sechs Straßen in Wan Chai und Causeway Bay wurden mit großflächigen Graffitis und Garnbomben an Laternenpfählen und Bänken in Schmetterlingsgärten verwandelt (bis 31. Dezember). Auch Poon hat schon im Auftrag von Restaurants, Galerien und Wohltätigkeitsorganisationen gestrickt. Für manche ist das Guerillastricken auch eine Form des Protests. In Wien etwa wurde anlässlich des Frauentages vor einigen Jahren die Ringstraße mit Guerilla Knittings versehen, und in Berlin bekam ein Panzer vor dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr ein Strickkleid übergestülpt.
butterflyclub.greenpower.org.hk

sb

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