Fußball in China

Nicht nur fußballinteressierte Menschen stolpern dieser Tage immer wieder über den beliebtesten Mannschaftssport der Welt. Vor allem wegen der explodierenden Transfersummen gerät der Fußball regelmäßig in die Schlagzeilen. Viele Menschen fragen sich mittlerweile, ob es noch als „verhältnismäßig“ bezeichnet werden kann, wenn Vereine Summen in einzelne Spieler investieren, die weit jenseits der 100-Millionen-Marke liegen. Eine interessante Rolle kommt dabei der Volksrepublik China zu.

Zunächst muss man feststellen, dass der Fußball in China traditionell keine große Rolle spielt – andere Sportarten wie Basketball oder Badminton haben die Nase vorn, wie man auch bei einem Spaziergang durch einen der Parks in Hong Kong oder einem Blick in eines der öffentlichen Sports Center feststellen kann. Auch im Schulsport gibt es andere Prioritäten. Damit sich das ändert, werden große Hebel in Bewegung gesetzt: Xi Jinping, Staatschef Chinas und leidenschaftlicher Fußballfan, will das Land in absehbarer Zeit als Teil der Weltspitze sehen. Bereits Anfang 2015 befahl er, in einer zunächst geheimen Regierungssitzung, nichts weniger als die Wiederbelebung des chinesischen Fußballs, so die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua.

Weiterhin halten sich Gerüchte hartnäckig, das Land wolle sich als Ausrichter für eine der nächsten Weltmeisterschaften bewerben – vielleicht bereits 2026, vielleicht auch vier oder acht Jahre später. Nachdem man 2008 bereits die Olympischen Sommerspiele in Peking ausrichtete, wäre die Fußball-WM das nächste weltweit beachtete sportliche Megaevent in China. Und der Titel im eigenen Land wäre eine gern gesehene Machtdemonstration des aufstrebenden Landes.

Bisher ist man hiervon jedoch noch meilenweit entfernt. Derzeit gibt es nur rund 10.000 aktive Kicker in China – eine für Fußballfans regelrecht erschreckende Zahl angesichts einer Bevölkerung von mittlerweile knapp 1,4 Milliarden Menschen. Das Wachstumspotenzial für Fußball in China ist also riesig.

Doch warum will es einfach nicht gelingen, im bevölkerungsreichsten Land der Welt elf Fußballer zu finden, die das Land zumindest zur Weltmeisterschaft schießen können? Die Korruption ist schuld, sagen einige, vor Jahren konnten sich Spieler für einen verhältnismäßig geringen Betrag sogar eine Nominierung fürs Nationalteam kaufen. Es liege am Erziehungssystem, sagen andere, es setze zu wenig auf Individualität. Es fehle an fußballerischem Know-how, wenden wiederum andere ein.

Das Land möchte jetzt schnell aufholen: 20.000 auf Fußball spezialisierte Schulen sowie 70.000 Fußballfelder sollen in den kommenden Jahren gebaut werden. Weiterhin setzt China nun verstärkt auf eine bessere Ausbildung. Fußball soll zum festen Bestandteil von Lehrplänen werden. Das Ziel: Bis 2020 sollen rund 30 Millionen Grund- und Mittelschüler regelmäßig kicken. Zum Vergleich: Derzeit gibt es im Land rund 160 Millionen Kinder und Jugendliche in dieser Altersklasse.

Auch ein Blick auf die internationalen Ranglisten lässt erahnen, wie weit der Weg noch ist, den man bis zur Weltspitze zu gehen hat, zumindest im Herrenbereich. Denn während die Damen bereits einige Asienmeisterschaften vorweisen können und aktuell auf Platz 13 der weltweiten FIFA-Liste stehen, ist die Herrenmannschaft auf Rang 77 platziert – noch hinter Ländern wie Usbekistan, Mali oder Sierra Leone. An einer Weltmeisterschaft konnte man bisher nur ein einziges Mal teilnehmen (2002 schied das Team mit 0 Punkten und 0:9 Toren in der Vorrunde aus), auch die Qualifikation für die WM 2018 in Russland misslang.

Ein im Reich der Mitte stetig wiederkehrendes Problem liegt dabei in der Natur des Mannschaftssports: China bringt zwar mit allen Mitteln höchst erfolgreiche Athleten hervor (z. B. beim Badminton, beim Turnen oder beim Tischtennis), doch in Mannschaftssportarten hat es das Land bislang kaum in die Weltspitze geschafft.

Und auch auf Vereinsebene gibt es noch viel zu verändern – man liest zwar immer wieder von internationalen Topspielern, die weit jenseits des tatsächlichen Marktwertes von Klubs wie Guangzhou Evergrande oder Beijing Guoan verpflichtet werden, doch zum einen bleiben größere internationale Erfolge aus, zum anderen machen diese Topstars es den hiesigen Spielern sehr schwer, Spielpraxis zu bekommen und sich zu entwickeln.

Zuletzt legte der chinesische Fußballverband CFA fest, dass jeder Verein, der mehr Geld für Spieler ausgibt, als er einnimmt, den gleichen Betrag in die Förderung des chinesischen Fußballs investieren muss. Weiterhin sind die Trainer der Klubs verpflichtet, für jeden eingesetzten ausländischen Spieler auch einen einheimischen Spieler unter 23 Jahren aufzustellen.

In den vergangenen Monaten hatten Gehalts- und Ablösezahlungen wie im Fall des Brasilianers Oscar für Aufsehen gesorgt. Der 25-Jährige war Anfang des Jahres für über 70 Millionen Euro vom FC Chelsea zu Shanghai IPG gewechselt. Der Argentinier Carlos Tevez soll durch seinen Transfer von den Boca Juniors zu Shanghai Shenhua mit 38 Millionen Euro Jahresgehalt zum bestbezahlten Profi weltweit aufgestiegen sein.

Und auch auf internationaler Ebene ist der CFA sehr interessiert daran, Verbindungen zu anderen Verbänden herzustellen. Mit dem aktuellen Fußballweltmeister Deutschland wurden im November 2016 gleich drei Vereinbarungen der Zusammenarbeit im Fußball unterzeichnet: Eine auf Regierungsebene, eine auf Verbandsebene sowie eine Vereinbarung zwischen DFB und Erziehungsministerium.

Für Schlagzeilen sorgte hierbei besonders der kürzlich an die Öffentlichkeit geratene Gedanke, die chinesische U20 in der deutschen Regionalliga antreten zu lassen. Das Team tritt außer Konkurrenz an und hat so die Möglichkeit, sich auf hohem Niveau zu messen. Der DFB schritt direkt zur Tat: Verabschiedet wurde der Vorschlag mit 14 von 19 Stimmen der entsprechenden Vereine, umgesetzt wird er bereits ab der Rückrunde der aktuell laufenden Saison. Die Vereine bekommen für den Antritt jeweils 15.000 Euro und haben die Möglichkeit, ihren spielfreien Tag zu füllen.

Dies ging jedoch nicht ohne Nebengeräusche über die Bühne. Besonders die Traditionalisten unter den deutschen Fußballfans beklagen die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs – ob es sich hierbei um ein neues Thema handelt, sei mal dahingestellt.

Und auch die deutschen Vereine haben die Zeichen der Zeit erkannt: Der FC Bayern München eröffnete zu Beginn dieses Jahres ein Büro in Shanghai, eine vereinseigene Fußballschule gibt es bereits in Qingdao, eine weitere ist in Shenzhen geplant. Verglichen mit anderen internationalen Topvereinen kommt dieser Schritt verhältnismäßig spät, doch der FC Bayern ist gewillt, den Rückstand aufzuholen, um Millionen von Fans in China erschließen zu können.

Es bleibt also spannend zu sehen, in welche Richtung sich der chinesische Fußball weiterentwickelt, sowohl auf Vereins- als auch auf Nationalmannschaftsniveau. Raum für Verbesserungen findet sich an allen Ecken und Enden.

Holger Jüngling

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