Flucht ins Refugium

Menschen, Autos, Busse, Gehupe, Gedränge, Gerenne – das ist Hong Kong. Doch es geht auch anders. Selbst einer der dichtest besiedelten Flecken der Erde bietet den Ruhesuchenden kleine Oasen.

Sister Franca kam vor 35 Jahren nach Hong Kong. Sie ist Nonne beim Orden der Canossianerinnen, ein italienischer Frauenorden, 1808 in Verona von Magdalena von Canossa gegründet. Als junge Frau trat Sister Franca dem Orden bei und wurde alsbald auf Mission nach Hong Kong entsandt. Seit fast 150 Jahren sind die Canossianerinnen bereits hier tätig, für den Orden war dies die erste Missionsstation im Ausland überhaupt. Die zweite Niederlassung wurde 1874 in Macau gegründet. Der Orden baut Schulen, Krankhäuser, Waisenheime und unterhält ein Haus für blinde Mädchen in der Mount Davis Road (das Gebäude war ursprünglich ein Privathaus, das dem Orden 1932 gespendet wird). Als das Haus für Blinde später nicht mehr gebraucht wird, soll es in ein Erholungsheim für Nonnen umgewandelt werden. „Erholung“, sagt Sister Franca empört, „Erholung ist doch nicht unsere Mission!“ Also wird aus dem Wohnheim das Honeyville Canossian Retreat House. Eine Mauer umgibt das Gelände wie einen Schutzwall, hinter den sich gestresste Großstädter für ein paar Tage zurückziehen können.

„Wir sind fast immer ausgebucht“, freut sich Sister Franca, die das Retreat House mit ihren vier Mitschwestern leitet. Die Zimmer sind einfach eingerichtet mit Bett, kleinem Tisch und Schrank. Die meisten haben ein eigenes Bad und einen Balkon mit Blick am Abend auf das rot gefärbte Wasser des Perlflussdeltas. Es gibt drei Mahlzeiten am Tag, wer will, kann an den Gottesdiensten der Schwestern in der hauseigenen Kapelle teilnehmen oder im kleinen Garten oder auf der Dachterrasse versuchen, auf andere oder gar keine Gedanken zu kommen. Kosten pro Tag: 350 HK$. Kommen kann jeder, allein oder in der Gruppe, für eine Nacht oder mehrere, christlich inspiriert oder nur weltlich erschöpft. Sobald sich die Tür von Honeyville geschlossen und Sister Franca den Gast mit ihrem breiten Lächeln und festem Händedruck begrüßt hat, ist Hong Kong plötzlich ganz weit weg (die Autos auf den Straßen müssen ignoriert oder als Mahnung verstanden werden, dass die Idylle nicht von Dauer ist).

Den Salesianern ist der zweite Rückzugsort zu verdanken. Der italienische Männerorden, der auf den Priester Johannes Bosco zurückgeht, beginnt mit der Missionierung Chinas in den 1920er Jahren. Heute unterhält der Orden, der seinen Schwerpunkt in der Jugendarbeit sieht, mehrere Schulen und Jugendzentren in Hong Kong – und ein Retreat House auf Cheung Chau. Das liegt 20 Minuten Fußweg vom Getümmel des Hafens entfernt. Das Gelände ist groß, die Vegetation üppig. Die Kosten für einen Tag Auszeit inklusive Verpflegung betragen 280 HK$.

Auf Lantau empfängt die Trappist Haven Monastery (oder „Our Lady of Joy Abbey“, wie sie seit einigen Jahren heißt) ihre Besucher (pro Nacht inklusive Verpflegung 350 HK$). Bekannt sind die Mönche vor allem für ihre Milchproduktion, allerdings stehen die Kühe inzwischen in den New Territories und die Trappistenmilch wird in Yuen Long produziert. Das Kloster liegt auf halber Wanderstrecke zwischen Mui Wo und Discovery Bay; gebaut wurde es in den 1950er Jahren von Trappistenmönchen, die vor den Kommunisten in China nach Hong Kong geflohen waren.

Wer die Berge einer Insel als Refugium vorzieht, ist im (protestantischen) Tao Fong Shan Christian Centre richtig aufgehoben. Am Ausstieg der MTR-Station Shatin scheint es eher wenig wahrscheinlich, dass sich ganz in der Nähe ein Ort der Ruhe befinden soll. Doch je näher der Kurzzeitpilger dem Ziel in 140 Meter Höhe kommt, desto grüner und beschaulicher wird es. Weg, Wind, Berg – das bedeuten übersetzt die drei Worte Tao Fong Shan. Und mehr ist dort oben auch nicht zu finden (außer ein paar eher harmlosen Affen). Die Übernachtungskosten betragen 310 HK$, die Mahlzeiten (es gibt drei am Tag) sind extra zu zahlen (Mittag- und Abendessen je 58 HK$, Frühstück 37 HK$). Gegründet hat das Zentrum der norwegische Missionar Karl Ludvig Reichelt, der 1904 zunächst nach Hunan/China ging und später im Chaos des chinesischen Bürgerkrieges nach Hong Kong kam. Für den Bau seines spirituellen Zentrums engagierte er den dänischen Architekten Johannes Prip-Moller. Das Ensemble besteht aus mehreren weiß getünchten Gebäuden mit schwarz gedeckten Dächern und stellt eine Mischung europäischer und chinesischer Elemente dar – so wie auch Reichelt Buddhisten nicht nur bekehren wollte, sondern sein Zentrum als Begegnungsstätte beider Religionen sah.

Einer Verschnaufpause steht also nichts im Wege – vielleicht könnte das ja eines der Ziele für 2018 sein!

sb

Infos
Honeyville Canossian Retreat House, Tel.: 2817 8660
Salesian Retreat House, Tel.: 2981 0423 (am besten nach Cecilia fragen)
Trappist Haven Monastery, Tel.: 2987 6292, E-Mail: ocsohk.guesthouse@gmail.com
Tao Fong Shan, Tel.: 2694 4038

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