Im Rhythmus Andalusiens

Flamenco – ein Tanz, der meist mit Leidenschaft, Temperament und rot-schwarzen Kostümen assoziiert wird. Die Kunst des Nomadenvolkes aus Südspanien, früher „Zigeuner“ genannt, ist anspruchsvoll: Die Tänzer spielen mit den Melodien, dem Gesang, dem Takt. Sie benutzen alle perkussiven Möglichkeiten, die ihr Körper zu bieten hat: Absatz, Fußballen und -spitze, Hände. Sie steigern das Tempo in zeitweise rasende Dimensionen. Das Ergebnis sind mitreißende, expressive Tänze, die vom Leben erzählen.

Der Süden Spaniens, genauer gesagt die Region Andalusien, ist die Wiege des Flamenco, mit dem das fahrende „Zigeunervolk“ in geselligen Runden Gefühle zum Ausdruck brachte. Dafür stand traditionell nicht unbedingt der Tanz im Vordergrund. Gesang und Gitarre bilden die Grundlage des Flamenco, der 2010 von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt wurde. Die spanischen Texte handeln häufig von Liebe und Leid oder parodieren mit lustigen Passagen Alltagssituationen.

Charakteristisch im Flamenco sind außerdem perkussive Elemente, allen voran die „Palmas“, das rhythmische Händeklatschen, um Sänger, Gitarrist und Tänzer zu begleiten. Im modernen Flamenco übernimmt immer öfter das Cajón (zu dt. „Kistentrommel“) die Begleitung. Auch der Tänzer selber wird zum Perkussionisten: Die Tanzschuhe haben an Absatz und Spitze Nägel, damit ihr Klang besser zu hören ist, wenn die Füße zum Instrument werden.

Ähnlich wie im klassischen Paartanz gibt es im Flamenco unterschiedliche Gattungen. Sie drücken musikalisch verschiedene Grundstimmungen aus. Die „Alegrias“, zum Beispiel, ist fröhlich, wohingegen sich die „Soleá“ traurig und schwer präsentiert – beides angelehnt an die ursprüngliche Bedeutung der spanischen Worte: „alegria“ heißt „Freude“; „soleá“ stammt vom Wort „soledad“, was „Einsamkeit“ bedeutet.

Flamencoschüler werden ab der ersten Stunde sensibilisiert, stets und unter allen Umständen im „compás“, also im Takt, zu bleiben. Außergewöhnlich ist dabei der Grundrhythmus: Während einige Flamencogattungen auf dem uns gängigen Vierer-Rhythmus basieren, fußen viele auf einem Zwölfer-Rhythmus. Der Takt wird also nicht von eins bis vier gezählt, sondern besteht aus zwölf Schlägen, von denen manche betont, andere unbetont sind. Getanzt wird auch gerne mit typischen Accessoires, z. B. einem Fächer, einem großen Tuch, Kastagnetten oder im romantisch angehauchten Schleppenrock, der „Bata de Cola“.

Eine Flamencogruppe besteht klassisch aus Gitarrist, Sänger, Tänzer und Palmero. Interaktionen sind typischerweise improvisiert: Die Teilnehmer geben sich zur Verständigung musikalische Signale. Am Anfang eines Stückes spielt beispielsweise der Gitarrist eine Einführung. Der Tänzer kommt hinzu und signalisiert durch klare Bewegungen und/oder perkussive Elemente, dass die erste Strophe beginnen kann. Diese kleine Passage heißt „llamada“, vom spanischen Wort für „rufen“. Der Tänzer „ruft“ also vor allem den Sänger mit seiner „llamada“ und folgt anschließend tänzerisch dem, was der Gesang ihm bietet.

Diese Improvisation erfordert Training und eine gewisse Erfahrung aller Beteiligten. Vor allem außerhalb Spaniens ist es häufig relativ schwer, Gitarristen und/oder Sänger zu finden. Für Bühnenstücke in Gruppen und im Flamencounterricht hat sich deswegen Musik von CDs bewährt.

Zu den besonders schönen Seiten im Flamenco gehört zu guter Letzt die Vielzahl an farbenfrohen Outfits. Ob für den Unterricht oder für den Auftritt auf der Bühne: Die spanischen Röcke, Oberteile, Kleider, Blumen, Tücher und Accessoires lassen jedes Tänzerherz höher schlagen – und den Kleiderschrank in neue Dimensionen wachsen.

Tipp der Autorin: Clara Ramona Danza Flamenca –- professioneller Tanzunterricht auf hohem Niveau in einem Studio in Wan Chai; jährliche Performance, dieses Jahr am 9.6.2018 im Y-Theater in Chai Wan.
facebook.com/clararamonaandco

Corinna Seidel

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