Ein Herz für Arme?

Hong Kong hat prozentual die meisten Milliardäre der Welt. Das könnte man sich fast denken, wenn man im Straßenverkehr die Rolls-Royce, Bentleys und die vielen Läden mit hochpreisiger Mode, teuren Uhren, Handtaschen und anderen Luxusgütern sieht. Allerdings sind wir in China, wo auf die Pflege des äußeren Scheins so außerordentlich viel Wert gelegt wird und man den Eindruck gewinnt, der Schein bestimme das Sein und der Wert eines Menschen hänge davon ab, was er am Handgelenk trägt. Hong Kong ist nach Tokio und Osaka die teuerste Stadt im Fernen Osten.

Hong Kong: Steinreich und bitterarm
Gleichzeitig leben 20% der Bevölkerung Hong Kongs unter der Armutsgrenze, das waren 2015 rund 1.350.000 Menschen, Tendenz weiter steigend. Das Bruttoinlandsprodukt Hong Kongs stieg pro Kopf zwar auf über 40.000 HK$ im Jahr, gleichzeitig hat sich das Vermögen aber immer ungleicher verteilt. Der sogenannte GINI-Koeffizient stellt die Einkommensverteilung auf einer Skala von 1 bis 100 (= völlige Ungleichheit) und zeigt 2007 für Hong Kong mit 43,4 die ungerechteste Einkommensverteilung aller hoch entwickelten Länder der Welt. (Deutschland: 28,3, USA: 40,8).

  

Die Regierung hat die Armutsgrenze 2016 neu festgesetzt: 4.000 HK$ im Monat für eine alleinstehende Person, 9.000 HK$ für zwei und 15.000 HK$ für drei Personen. Damit fallen 1/3 aller über 65-jährigen Hong Konger und 190.000 Kinder unter die Armutsgrenze. 477.000 Hong Konger werden als „working poor“ bezeichnet.

Wohnen in Käfig oder Sarg
Gleichzeitig hat Hong Kong „the world’s most unaffordable housing market in the world”, wie alle Expats jederzeit bestätigen. Deshalb müssen sehr viele Menschen unter unwürdigen Bedingungen in prekären Wohnverhältnissen leben. Tausende hausen als „cage people“, „Käfigmenschen“, in 2-3 Kubikmeter großen Gitterkäfigen oder in „coffin homes“ aus Holzkisten, die man in kleinen Wohnungen über- und nebeneinander aufstellt. 20 solcher „Haushalte“ in einem 30 Quadratmeter großen Zimmer mit einer Toilette sind üblich. Auch wenn es sich dabei teilweise um fensterlose Räume handelt, sind dafür durchaus 2.000 HK$ im Monat zu zahlen.

Im Käfig auf den Tod warten
Ein Artikel des TAZ-Redakteurs Sven Hansen beschreibt das Leben eines 80-Jährigen. Ich habe ihn etwas geändert: Tai Lun Po lebt seit 30 Jahren in so einem Gitterkäfig. Tais Käfig steht in einem Raum mit elf anderen, meist zwei übereinander. Ab zwölf Käfigen müssen diese Käfigheime von den Behörden registriert werden und bestimmte Sicherheits- und Hygienevorschriften erfüllen. Tais Vermieter wollte das offenbar vermeiden. Der alte Tai muss auch nur in den dritten und nicht in den achten Stock des Hauses steigen. Häuser mit neun Stockwerken und mehr sind selten, denn sie müssten einen Fahrstuhl haben. Beim Betreten des Raumes, in dem nur alte und sieche Männer dünn bekleidet in ihren Käfigen liegen und unter der Decke fast unbemerkt ein Fernseher flimmert, entsteht der Eindruck, sie würden nur noch auf den Tod warten. Bei einigen der Käfige, deren Bewohner gerade nicht da sind, sind die Gittertore mit Vorhängeschlössern verschlossen. An anderen hängen Bügel mit Kleidung zum Trocknen.

Der alte Tai ist schwerhörig. Nur mit Mühe kann er mit der Sozialarbeiterin kommunizieren. Er ist während der Kulturrevolution vor vierzig Jahren aus China geflohen, erzählt er. Seine Angehörigen dort seien inzwischen alle gestorben. Bis vor zehn Jahren habe er in Hong Kong als Kuli, also Tagelöhner und Lastenträger, gearbeitet. Inzwischen sei er jedoch zu alt. Mittlerweile lebt der mittellose Rentner von Sozialhilfe. Die Stadt zahlt ihm den Höchstsatz von 1.265 HK$ Wohngeld, was nicht ganz für seine 1.295 HK$ teure Miete reicht. Auch bekommt er noch eine Sozialhilfe von 2.400 HK$. (Im Doppelhaushalt 2016/2017 mit rund 300 Mrd. HK$ sind 19% für Soziales vorgesehen.)

Die Sozialarbeiterin, die Tai im Umgang mit den Behörden hilft, möchte ihn gern in einer städtischen Gemeinschaftswohnung unterbringen. Doch die Wartezeit beträgt mehr als ein Jahr, für Sozialwohnungen bis zu fünf Jahre. Der Druck auf die Ärmsten der Armen ist gestiegen. Die Mieten für die Käfige sind heute um 5 bis 10% höher als vor einem Jahr. Die Preise auf dem normalen Wohnungsmarkt sind hingegen gefallen. Heute entspricht die Miete in den Wohnkäfigen pro Quadratmeter denen von Apartments in guten Wohnlagen.

Der Wille fehlt
Ich frage mich: Wie ist es möglich, dass in dieser stolzen und reichen Stadt, Vermieter gerade die Ärmsten der Armen, Arbeitslose, Tagelöhner, ungebildete Migranten und Neuankömmlinge aus China sowie Kranke und verarmte Rentner, so skrupellos ausnehmen? Offenbar ohne Herz, Empathie und soziale Verantwortung. Zwar hat Hong Kong einige Kirchen, NGOs und Sozialarbeiter, die sich kümmern, aber eine Politik, die sich armen Menschen verpflichtet weiß und das Übel der Wohnungsnot und Armut an der Wurzel packt, gibt es scheinbar nicht. Am Geld kann es nicht liegen. Immerhin betrug der Haushaltsüberschuss Hong Kongs im letzten Haushaltsjahr 113 Milliarden HK$.

Volker Thiedemann, Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Hong Kong

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