Dem Kung Fu verpflichtet

Wörtlich übersetzt bedeutet Kung Fu eine Disziplin oder Fertigkeit, die durch harte Arbeit und Üben erreicht wird. Dies beinhaltete ursprünglich zahlreiche traditionelle chinesische Praktiken. Heute wird Kung Fu als Überbegriff für unterschiedlichste Kampfsportarten aus China verwendet.

In Shaolintempeln praktizierten Mönche altüberlieferte indische Übungen zur Verteidigung und Meditation. Von dort brachten Besucher die Übungen nach China; der Kung Fu-Stil variiert, je nachdem, ob er aus dem Norden oder Süden Chinas stammt.

Kontinuierliche Verbesserung und Loyalität sind die beiden wichtigsten Kung Fu-Lektionen für Wayne, ein 22-jähriger Kung Fu-Kämpfer aus Hong Kong. Seine Familie kommt aus Nordchina, Kung Fu ist Teil ihres kulturellen Erbes. Wayne weiß, dass Kung Fu für Außenstehende zunächst sehr abstrakt ist.

Wayne, seit wann machst du Kung Fu?
Kung Fu ist die Kunst meiner Vorfahren, die es seit fünf Generationen betreiben. Meine Ausbildung begann in meiner frühesten Kindheit, im Alter von drei Jahren.

Wie viel Zeit widmest du dem Üben?
Zu meinen besten Zeiten habe ich sechs Stunden pro Tag geübt, morgens und abends, um an den Grundlagen zu arbeiten. Beim Training konzentriere ich mich auf unterschiedliche Grundtechniken, die später in Choreografien zusammengefügt werden. Im Kung Fu wird erwartet, dass der Schüler sehr viel selbst übt; der Master macht Bewegungen nicht kontinuierlich vor, sondern korrigiert den Schüler in seiner Selbstübung. Der Fokus auf das eigene Üben unterscheidet Kung Fu stark von anderen Aktivitäten.

Wie würdest du die Kung Fu-Philosophie beschreiben?
Kung Fu ist stark verbunden mit chinesischer Mystik, Esoterik und Geschichte. Es will das allgemeine Bewusstsein für Wohlwollen fördern. Selbst wenn der ursprüngliche Zweck von Kung Fu das Töten war, sind Selbstverbesserung, Gewaltlosigkeit und das Kultivieren von Körper und Geist besonders wichtig. Außerdem liegt starker Fokus auf Loyalität und Respekt gegenüber dem Lehrer, besonders im Norden Chinas. In nomadischen Jäger- und Sammlerstämmen zeigte der Lehrer, wie man überlebt.

Konzentrierst du dich auf einen besonderen Stil?
Ich konzentriere mich auf den Stil des Nordens und folge damit der Linie meiner Familie. Technisch bedeutet das tiefe Grundstellungen der Beine, viele Sprünge und große Bewegungen. Im Süden hingegen stehen die Kämpfer enger und kämpfen näher, da geografisch schon immer weniger Platz zur Verfügung stand und die Menschen kleiner sind als im Norden.

Benutzt du Waffen?
Ja, ich bin auf Speer und zweihändiges Schwert spezialisiert.

Warum diese beiden?
Nach dem chinesischen Konzept der Affinität sollen sich Kung Fu-Kämpfer auf das konzentrieren, was sich für sie am besten anfühlt. Das wiederum ist stark mit der Physiologie jedes Menschen verbunden. Da ich groß und schlank bin, sind mobile und leichte Waffen, wie das zweihändige Schwert, gut geeignet. Mein Vater ist kleiner als ich und konzentriert sich auf den Stock, da ihm die lange Stange einen guten Hebel gibt.

Hattest du jemals das Gefühl, zu Kung Fu gezwungen zu sein?
Ursprünglich habe ich Kung Fu wirklich abgelehnt, und ich wollte machen, was ein Kind gerne macht, nämlich spielen. Stattdessen musste ich diese systematisch angewiesenen Choreografien lernen, was ich damals als Zwang empfunden habe.

Und heute? Würdest du mit Kung Fu aufhören trotz der starken Verbindung zu deiner Familie?
Mein Vater wäre natürlich sehr, sehr unglücklich, wenn ich mit dem Kung Fu aufhören würde; jenseits des Kindesalters liegt diese Entscheidung jedoch nun alleine bei mir. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass ich dem Kung Fu entsage. Kung Fu ist zu sehr Teil von mir, um es hinter mir zu lassen. Es hat eine Beziehung zu mir und wird dadurch beinahe eine Pflicht.


Die chinesischen Zeichen für „Gong Fu” stehen für „Errungenschaft“ (gong) und reife Person (fu). Zusammen bedeuten sie „Fähigkeiten einer Person“.

Corinna Seidel

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