Bike-Sharing im Selbstversuch

In China sind Mieträder allgegenwärtig. 16 Millionen Leihräder rollen durch chinesische Städte, und selbst das nicht unbedingt fahrradtaugliche Hong Kong ist auf den Trend aufgesprungen.

Die Auswahl: Es gibt (bislang) vier Anbieter in Hong Kong. Als erster Bike-Share-Anbieter stellte Gobee.bike im April 2017 seine giftgrünen Räder auf. Im Juni folgten die weißen Hoba Bikes, auch ein lokales Hong Konger Gewächs. Im September wurden die ersten grau-orangen oBikes aus Singapur in der Stadt gesichtet. Im Oktober schließlich folgte das kleine LocoBike, Markenzeichen: blaue Räder. Außerdem gibt es noch die schwarz-roten Ketch’Up Bikes, die allerdings ein anderes Konzept verfolgen: Hier können die Räder gekauft und dann weiter vermietet werden. Es gibt also einen individuellen Besitzer, der sein Rad anderen gegen eine Leihgebühr zur Verfügung stellt.
Für den Selbstversuch entscheiden wir uns für die bisherige Nummer eins auf dem Markt, Gobee.bike.

Die Anmeldung: Erster Schritt: App herunterladen. Zweiter Schritt: 399 HK$ als Pfand hinterlegen. Das Geld wird bei Abmeldung innerhalb von zehn Tagen wieder zurückgezahlt. Dritter Schritt: Geld aufs virtuelle Konto einzahlen. Je nach gefahrener Zeit wird die Leihgebühr von diesem Konto abgebucht – für 30 Minuten sind es 5 HK$.

Die Fahrradsuche: Die App enthält eine Karte von ganz Hong Kong. Mithilfe einer roten Nadel lässt sich der Ort bestimmen, wo das Rad ausgeliehen werden soll. Das System meldet dann, ob in der Umgebung Räder stehen und wenn ja, wie viele. Wie nicht anders erwartet, befinden sich in Wan Chai exakt zwei Räder, davon eines direkt um die Ecke an einer steilen Verbindungsstraße zwischen Kennedy Road und Queen’s Road East. Also gehen wir hinunter, finden das leuchtend-grüne Rad auch sofort – und stellen fest, dass der Vorbesitzer es an eine Regenrinne an der Hauswand angekettet hat. OK – da wollte sich wohl jemand dauerhaft ein Gobee.bike sichern. Aber zum Glück meldet die App ja noch ein weiteres Rad in einer Seitenstraße der Queen’s Road East. Doch trotz intensiver Suche ist dort überhaupt kein Fahrrad zu finden. Ob das wohl jemand in seine Wohnung getragen hat? Via App schicken wir einen Report an Gobee.bike und treten die Fahrt in die New Territories (per U-Bahn!) an. In der Shatiner Gegend werden 200+ Bikes angezeigt.

Das Ausleihen: Direkt an der U-Bahn-Station Tai Wai stehen ordentlich aufgereiht auf einem eigens eingerichteten Fahrradparkplatz Dutzende Leihräder. So trennen uns nur noch wenige Sekunden vom Fahrradbesitz. Solange dauert es, den am Rad angebrachten QR-Code mittels App zu scannen. Wie von Zauberhand springt das Schloss auf – und die Fahrt kann losgehen.

Das Fahrgefühl: Zur Ablage kleinen Gepäcks, etwa eines Rucksacks oder einer Tasche, ist vorne am Lenker eine Art Korb befestigt. Was hingegen fehlt, sind Gänge. Es gibt nur einen, was das Fahren etwas mühevoll macht. Nicht, weil der Gang zu schwer wäre, sondern weil er etwas zu leicht ist und viel getrampelt werden muss. Ansonsten macht das Rad einen robusten Eindruck. Eine Klingel gibt es auch, einfach vorne rechts am Handgriff drehen (was wir fälschlicherweise anfangs für die Gangschaltung gehalten haben). Die Höhe des Sattels ist mittels Schnellspanner verstellbar.

Die Route: Die Strecke, die wir uns ausgesucht haben, verläuft zunächst am Shing Mun-Fluss entlang durch den schattigen Shatin Park. Danach geht es etwas monoton geradeaus, später auch an einer mehrbefahrenen Straße entlang. Schön ist die Gegend rund um den Science Park, dort bieten sich Cafés und Restaurants für eine Snackpause an. Auf der anderen Seite erheben sich im Dunst die Berge des Plover Cove Country Parks. Langsam kommt Tai Po in Sicht, noch einmal kräftig in die Pedale treten, dann ist die MTR Tai Po Market erreicht. Die Gefahr, sich zu verfahren, besteht bei dieser Strecke nicht. Erstens geht es fast immer am Wasser entlang, zweitens weisen Schilder, manchmal sogar inklusive Kilometeranzeige, den Weg.

Die Rückgabe: Rund um die MTR-Station wimmelt es von Rädern, auf dem eigentlichen Parkgelände ist keine Lücke mehr frei, sodass schon viele Gobee.bikes auf die umliegenden Rasenflächen ausgewichen sind. Im Weg stehen sie dort aber nicht, jeder hat sich bemüht, sein Rad ordentlich in die Reihe zu stellen. Fürs Abschließen muss einfach das Schloss am Hinterrad geschlossen werden. Sofort erscheint auf dem Smartphone die Mahnung, ordentlich zu parken. Außerdem liefert die App eine Bilanz der Fahrt: Exakte Dauer, Kosten, gefahrene Kilometer und die Strecke noch einmal visualisiert auf einer Karte.

Das Fazit: Absolut einfach zu bedienen, sehr günstig, praktisch, weil die Räder nicht an den Ursprungsort zurückgebracht müssen. Ideal für Pendler, die von ihrem Wohnblock zur nächsten MTR, zum Arbeitsplatz, zur Schule, zur Universität wollen. Für längere Touren nicht unbedingt geeignet, aber ausreichend.

sb

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