Beten und Tee trinken

Die Religionsgesetze in China werden restriktiver, was aber nicht heißt, dass sie alle umgesetzt werden: Ein Besuch vor Ort.

Am Ende stellen sich alle zum Gruppenbild vor den Altar, der Pfarrer steht in der Mitte. „Sie kommen aus der Provinz Shanxi“, erklärt der Pfarrer. Der ist nicht aus Shanxi, sondern aus Peking. Die Gruppe sei auf Pilgerreise. Es ist ein kalter Tag im November, nach der Heiligen Messe spricht die Gruppe noch ein Gebet vor der Marienstatue draußen auf dem Platz, dann ein kurzer Besuch im kleinen Laden, der Rosenkränze, Holzkreuze und Heiligenbilder in grellen Farben verkauft, und schon wartet der Bus. Peking als christliche Pilgerstätte – der Sitz der kommunistischen Partei, das Zuhause des chinesischen Präsidenten Xi Jinping, der gerade erst die Daumenschrauben für alles, das nicht die Partei im Namen trägt, angezogen hat?

Für die Gläubigen aus Shanxi ist das kein Widerspruch. Kirche und Partei, das ist für sie ein- und dasselbe. Sie gehören der offiziellen katholischen Staatskirche an, der sogenannten Patriotischen Vereinigung. Auf protestantischer Seite gibt es zwei staatliche Organisationen, Christenrat und Drei-Selbst-Bewegung (die Kirchen müssen sich selbst verwalten, selbst finanzieren und das Evangelium selbst verkünden). Zwar herrscht in China für fünf Religionen (Islam, Buddhismus, Taoismus, Katholizismus, Protestantismus) Glaubensfreiheit, was aber Glaube bedeutet, kontrolliert und steuert der Staat beziehungsweise die Partei. „China gehört den Chinesen, eine Einflussnahme von außen ist unerwünscht, und das schließt den Papst ein“, sagt ein Chinakenner, der seit mehr als zwei Jahrzehnten im Land lebt, seinen Namen aber nicht nennen möchte.

Denn anders als die Besucher aus Shanxi ist er Mitglied der chinesischen Untergrundkirche, das ist die katholische Kirche, die Rom die Treue hält. Bei den Protestanten nennen sich die Gemeinden, die außerhalb der zwei Staatsorganisationen existieren, Hauskirchen. Oft treffen sich die Gläubigen in Privatwohnungen oder in einem Haus, möglichst eines, das nicht auffällt. Wobei in China immer die Frage ist, ob es wirklich nicht auffällt oder ob es in den berühmten Graubereich fällt, ohne den das Land schlichtweg nicht denkbar ist, nicht funktionieren würde. Hier sind Dinge möglich, die offiziell eigentlich nicht erlaubt sind. Die Glaubensgemeinschaften agieren hier ebenso wie die Menschenrechtler und ihre Anwälte, die Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen.

Auch Dong, wie er hier heißen soll, ist Mitglied in der Untergrundkirche. Er möchte Priester werden, zurzeit ist er Seminarist. Die Gemeinde, der er angehört, hat vor ein paar Monaten ein neues Haus 40 Kilometer außerhalb von Peking bezogen. Der Eigentümer weiß, an wen er sein Haus vermietet hat, und auch die Nachbarn wundern sich nicht über die 100 Leute, die am Sonntag zu ihnen ins Dorf kommen. Sie sind selbst Katholiken und gehen zum Gottesdienst. Auch das Dorf, aus dem Dong stammt, 300 Kilometer von Peking entfernt, gehört der Untergrundkirche an, seit Jahrzehnten schon. „Aber weil wir keine Probleme machen, weil wir nichts fordern, lassen uns die lokalen Behörden auch in Frieden“, sagt Dong.

Ähnliche Geschichten kann Isabel Hess-Friemann erzählen. Sie ist Leiterin der China-Infostelle in Hamburg und hat mit ihrer Familie acht Jahre in Peking gelebt. Sie kennt eine Chinesin, die seit vielen Jahren Mitglied in einer evangelischen Hauskirche ist. „Einmal im Jahr bekommt die Gemeinde Besuch von der staatlichen Religionsbehörde. Dann sitzen sie zusammen und reden darüber, was die Gemeinschaft so macht.“ Manchmal fragen die Behördenvertreter, ob sich die Hauskirche nicht der offiziellen Kirche anschließen möchte. Das will sie natürlich nicht, also wird gemeinsam Tee getrunken und die Behördenvertreter gehen wieder. Alles ist in Ordnung. Noch.

Seit Xi Jinping an der Macht ist, hat sich die Lage verschärft. Es gibt neue, sehr restriktive Gesetze, die allerdings nicht nur die Religionsgemeinschaften betreffen, sondern den gesamten zivilgesellschaftlichen Bereich. In China wird aber nicht alles, was in den Regularien steht, umgesetzt. „Außerdem ist das regional sehr unterschiedlich“, sagt Hess-Friemann. So bleibt es – vorerst – bei Einzelberichten: Von Kindern, die nicht zum Gottesdienst dürfen; von Priesteranwärtern, die tageweise in Gewahrsam genommen werden; von Parteikadern in armen Regionen, die den Menschen mitteilen, dass nicht Jesus, sondern Xi sie aus der Armut befreien wird, woraufhin die Bauern ihre Jesusbilder und Kreuze von den Wänden nehmen und ein Porträt des Präsidenten aufhängen; von der Deutschen Kantorei in Peking, die nicht mehr außerhalb des Botschaftsgebäudes, wo am Sonntag deutschsprachige evangelische und katholische Gottesdienste stattfinden, singen darf, was vor zwei Jahren noch problemlos möglich war.

Dennoch beunruhigen Dong die neuen Gesetze nicht. „Sie werden kommen und uns kontrollieren, aber das kennen wir schon“, sagt er und erzählt, dass die Gemeinde in seinem Heimatdorf weiter wächst, dass sich nach dem Gottesdienst kleinere Gruppen zusammentun, um in Dörfer zu fahren, wo der christliche Glaube noch nicht verbreitet ist. Der Chinakenner weiß nicht, was er denken soll. „An schlechten Tagen finde ich die Entwicklung beängstigend.“ An den anderen Tagen, und das sind die meisten, ist auch er optimistisch, weil er weiß, dass die Kirche den Menschen das gibt, was sie in einem zunehmend auf Konsum orientierten China nicht finden können: Sinn und Richtung. „Das Christentum ist eine Glückserfahrung, wir treffen uns, singen, fassen uns an den Händen, das ist eine Kontrastgesellschaft zum alltäglichen Überlebenskampf.“

sb

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