Auf den Spuren Dschingis Khans: Zu Pony durch die Mongolei

Wer mal die Zivilisation für eine Zeit hinter sich lassen möchte, ist bei diesem zehn-tägigen Wanderritt durch das zentralasiatische Hochland bestens aufgehoben.

„Choo, choo, los, los“ rief der Horseman Byambaa hinter mir, damit die Packpferde trotz der Verlockung durch die saftigen Gräser den Anschluss an die voraus Reitenden nicht verpassten. Seit drei Tagen ritten wir durch den nordöstlich von Ulaanbaatar gelegenen Gorkhi Terelji Nationalpark. Ich hatte mich nicht nur an unseren täglichen Expeditionsrhythmus gewöhnt, sondern auch an mein Pony „Brownie“, das mich zuverlässig durch die mongolische Wildnis trug.

Angeführt wurde unsere Herde aus 17 Pferden von Sabine, einer promovierten Geologin, die Deutschland gleich nach ihrer Ausbildung den Rücken gekehrt hatte, um für Greenpeace in der Antarktis zu arbeiten. Ein GTZ-Projekt (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) führte sie vor 15 Jahren in die Wüste Gobi. Mit ihrem Mann Keith erkundete sie in ihrer Freizeit die Mongolei zu Pferde. Seit 2009 bieten sie als „Stone Horse Mongolia“ ihre Expeditionen für Touristen an.

Zu Sabines Team auf dem Wanderritt gehörten, neben dem aus einer traditionellen Nomadenfamilie stammenden Byambaa, noch sein Freund und weiterer Horseman Byuanaa sowie unser Mädchen für alles Baggi, die vor allem als Dolmetscherin und Küchenhilfe fungierte. Sie schaffte es als Einzige, jeden Tag frisch geschminkt und gestylt schon morgens munter aus dem Zelt zu gucken.

Für mich begann der Tag mit Frühstück um acht Uhr. Mit frischem Kaffee und saftigem Rührei sowie Brot, Marmelade und Obst ließ sich die Kälte der Nacht aus den Gliedern vertreiben. Wie dieses Frühstück überhaupt entstehen konnte, blieb eines von Sabines zahlreichen Geheimnissen, denn die gesamte Verpflegung für die fünf Gäste und sie und ihr Team mal zehn Tage trugen sechs Packpferde. Diese ignorierten beim Durchqueren des Waldes ihre zu beiden Seiten ausladenden Packtaschen und krachten manchmal mit voller Wucht gegen die Baumstämme. Trotzdem hatten die Pferde nur einmal Ketchup aus den Tomaten gemacht.

In den ersten Tagen ritten wir durch breite Täler, in denen die Nomaden gerade Heu machten, um sich auf ihr Winterlager vorzubereiten. Wiederholt durchquerten wir den namensgebenden Fluss Terelji und ritten Wiesen voller Edelweiß entlang.

Am vierten Tag drangen wir in die „strictly protected area“ der rauen Khentii-Berge vor, wo keine Nomaden mehr leben können, da es an Weideland für ihre Tiere mangelt. Der höchste Berg des Khentii-Gebirges ist der Burchan Chaldun (2.445 m). Dschingis Khan, der die mongolischen Stämme einte und sein Reich zum bis heute größten der Welt machte, wurde nahe dieses heiligen Berges geboren. Er gilt auch als seine Grabstätte.

An diesem Abend wurde es feucht und nachts richtig kalt. Morgens erwartete uns dicker Nebel, es war – der mongolischen Jahreszeit entsprechend – herbstlich.
Der Herbst beginnt für die Mongolen nach ihrem jährlichen kulturellen Höhepunkt, dem Nadaam-Fest im Juli. Die Saison für Wanderritte beginnt im Juni und endet im schon winterlichen Oktober.

Im August ist die Sonne noch intensiv genug, um den Nebel schnell zu verdampfen – und auch ich dampfte bald in meiner Skiunterwäsche. Unsere Mittagspause nutzte ich, um die warmen Sachen schnell loszuwerden, denn es war richtig hochsommerlich heiß geworden. Auf einem Pass picknickten wir und bevor unser Tross den Weg hinab ins Tal nahm, blieb auch Zeit für ein Mittagsschläfchen.

Und dann lag der kristallklare See Hagiin Khar Nuur vor uns. An seinem Nordende konnte Sabine ihren Frust nicht ganz verbergen. Erst kurz zuvor hatte sie mit ihrem Team und dem örtlichen Ranger den gesamten Müll am See eingesammelt und vergraben und schon wieder lagen dort leere Glaskonserven und Wodkaflaschen neben einer schwarzen Feuerstelle.

Wir blieben nicht lange am Nordufer, umrundeten den See auf der Westseite, galoppierten die Südseite entlang und erreichten unseren oberhalb des Sees gelegenen Lagerplatz, der uns für zwei Nächte diente – eine Ausnahme. Ansonsten wechselten wir unser Lager jede Nacht. Vor dem „freien“ Tag gönnte ich mir eine Wildnisdusche, die auch für mich als Warmduscherin angenehm war. Warmes Wasser kam aus einem Camping-Duschbeutel, der an einen hohen Ast gehängt wurde. Zunächst blieben meine vier singapurischen Mitreiterinnen ihrem Trockenshampoo treu, doch am nächsten Tag wagten auch sie es, sich mal zu waschen, aber nicht im See zu baden, der war dann doch zu kalt.
So zeigte sich, dass zivilisatorische Errungenschaften wie Sanitäreinrichtungen in der Wildnis genau so unwichtig sind wie der Empfang für das Mobiltelefon.

Wir genossen es, mal selbst ein paar Schritte zu laufen und hielten vergeblich Ausschau nach Elchen. Kulinarisch entschädigten Sabines köstliche Pfannkuchen und wir nutzten die inflationären Sternschnuppen, um mal alle Wünsche mit dem Himmel zu teilen.

Am siebten Tag ging es weiter durch Elchgebiet. Doch bis wir wieder auf den Pferden saßen, nachdem alle Zelte, der Gaskocher, Tisch und Stühle wieder in den Sattel- und Packtaschen verstaut und diese auf den Pferden festgezurrt waren, war denen schon zu heiß und sie hatten sich bereits im Wald versteckt. Ich genoss bald wieder das Schnauben der Pferde und den schweigsamen Ritt durch Flüsse und hüfthohe Erlenbüsche.

An diesem Abend diente der Sattelberg nicht als Lehne zum Sternegucken, sondern als Podest zum Pferdesuchen. Denen waren die Büsche zu trocken, sodass sie weiter gezogen waren – in Richtung des Berges Altan Ulgii Uul, dessen Pass wir aber erst am nächsten Tag überqueren wollten. Auf den heißesten Tag folgte die kälteste Nacht, schon um Mitternacht war der Abendtau auf dem Zelt zu Eis gefroren, und das zum Trocknen über den Busch gelegte Handtuch war am nächsten Morgen steif wie ein Brett.

Den steilen Aufstieg zum Altan Ulgii Uul versüßte uns Horseman Byuanaa mit reifen roten Johannisbeeren, die er auf dem Weg gepflückt hatte. Doch leider fiel auf der Passhöhe nach dem Essen die Mittagsruhe aus, ein Gewitter hatte sich zusammengezogen und es donnerte. Bislang war es uns erspart geblieben, durch den Regen zu reiten oder gar die Zelte im Regen aufzubauen, nur nachts hatte es manchmal geregnet.
Da der Pass steil ist, führten wir die Tiere herunter – und unten trabten wir geschwind vor dem Gewitter davon, zu unserer vorletzten Nacht in der Wildnis, im milderen Tal Baruunbayangiin Gol, das durch faszinierende Steinformationen gekennzeichnet ist.

Weiter ging es im flotten Canter, einem leichten Galopp, zurück zum Camp am Rande von Ulaanbaatar. Auf dem Weg folgten wir ein letztes Mal dem Ritual, dreimal einen Owoo, einem nach schamanischen Verständnis heiligen Steinhaufen, zu umrunden. Die Ende des Ritts und die Rückkehr zum Ausgangspunkt kommentierte eine Reiterin nur mit „I don’t enjoy civilization that much!“ – und reservierte sich gleich einen Sattel für die nächste Saison.

Auch Interesse? Beantworte gerne weitere Fragen und empfehle: Carmen Rohrbach „Mongolei – Zu Pferd durch das Land der Winde“, Malik 2014 zur weiteren Lektüre.

Anreise
Direktflug mit MIAT (Mongolian Airlines) nach Ulaanbaatar, je nach Saison mehrmals wöchentlich; oder z. B. mit Air China über Peking.

Silke Bender

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