57 Millionen Chinesen ohne eigene Toilette

Auf dem Weg an die Weltspitze kümmert sich Chinas Präsident Xi Jinping auch um die (vermeintlich) kleinen Dinge: die Toiletten. 2015 rief er die „Toilettenrevolution“ aus, die den Bau und die Sanierung von insgesamt 67.000 Toiletten im Land vorsieht.

Ziel sei, so Xi, den Tourismus anzukurbeln und das Leben der Menschen vor Ort zu verbessern. Im Februar dieses Jahres erklärte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, das Vorhaben sei auf gutem Wege, die Zielvorgabe längst erreicht. Doch der Präsident bleibt dran am Thema, er fordert weitere Bemühungen, saubere Toiletten seien ein wichtiger Teil, um die Entwicklung in den Städten und auf dem Land voranzubringen.

Toiletten sind in China in der Tat ein spezielles Thema. Nicht nur, dass es sich meist um Stehtoiletten handelt, was für westliche Besucher eher gewöhnungsbedürftig ist. Die Sauberkeit ließ (und lässt oft noch immer) zu wünschen übrig. Es mangelt an vielem, was andernorts selbstverständlich ist. Zum Beispiel an Toilettenpapier. Wird die im besten Fall anwesende Reinigungskraft nach selbigem gefragt, schüttelt sie nur den Kopf und rückt im allergrößten Notfall drei, vier Blättchen heraus. In den Kabinen dann besteht akute Rutschgefahr, der Boden ist fast immer nass – was an der herumspritzenden Spülung und dem permanenten Wischen durch die Reinigungskraft liegt (immerhin tut sie das). Benutztes Papier (und anderes) haben Vorgänger häufig mehr achtlos als zielgenau in den kleinen Papierkorb geworfen. Wer anschließend Seife oder Ähnliches sucht, sucht vergeblich – dasselbe gilt für Möglichkeiten, die Hände abzutrocknen. Insofern war eine Toilettenrevolution durchaus von Nöten.

Manche Lokalregierung ist allerdings etwas über die Stränge geschlagen und hat Toiletten bauen lassen, die das eigentliche Ziel einer praktischen und hygienischen Lösung weit übertreffen – auch in finanzieller Hinsicht. Schon jetzt hat die Toilettenrevolution landesweit 2,7 Milliarden Euro verschlungen. So gibt es nun Toilettenhäuser, die von außen aussehen wie Burgen, Büchereien, chinesische Tempel, menschliche Gesichter und der ägyptische Pharao. In Chongqing hat unlängst eine Toilette eröffnet, die neben der Möglichkeit, sich zu erleichtern, eine ganze Reihe von Annehmlichkeiten bereithält: Fernsehen, Wifi, Ladestationen fürs Handy und Schuhputzmaschinen. Doch es gibt auch innovative Lösungen: Im Mount Sanqing National Park wurde mittels 3D-Drucktechnik ein Toilettenhaus aus recyceltem Bauschutt errichtet und mit intelligenten Klos ausgestattet, die den Abfall automatisch in biologisch abbaubare Beutel verpacken, die dann in Tanks gelagert und später weiterverarbeitet werden.

Größte Baustelle bleiben die ländlichen Regionen, wo noch immer 57 Millionen Haushalte über keine eigene Toilette verfügen. Die Fäkalien versickern auf den kollektiv genutzten Latrinen einfach im Erdreich. In Yueliang, einem kleinen Ort in der Provinz Hebei, das wegen seiner königlichen Gärten auch bei Touristen beliebt ist, wurde jetzt ein Pilotprojekt mit Vakuumtoiletten gestartet, wie sie etwa in Flugzeugen zum Einsatz kommen.

Damit der Standard auf den einmal renovierten stillen Örtchen gewahrt bleibt, hat Tourismusminister Li Jinzao vorgeschlagen, „Toilet Chiefs“ zu ernennen. Vorbild sei die Stadt Xian, die bereits einen solchen Überwachungsdienst eingerichtet habe; der Grad der Sauberkeit auf den Toiletten fließt in die Bewertung der dafür abgestellten politischen Kader ein. Derweil würde Japan das Toilettenthema gerne nutzen, um das angespannte Verhältnis zum kommunistischen Nachbarn zu lockern. So sollen die Japaner via Botschaft in Peking bereits ihre Bereitschaft bekundet haben, ihre Expertise in Sachen Hightech-Toiletten zur Verfügung zu stellen.

sb

Fotos: © Christian Rommel

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